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Kunstsalon 2009 im Speicher Lelkendorf
Zum 2. Mal präsentiert sich 2009 eine Gruppe von Künstlern aus der Mecklenburger Schweiz in einem einwöchigen KUNSTSALON im Speicher von Lelkendorf. Der Kulturförderverein Lelkendorf e.V. (KfL) holt nicht nur Kunst aus Berlin und Hamburg aufs Land, sondern bietet auch Kunstschaffenden, die in der Region arbeiten und leben, einen Ort zum Austausch und zur Inspiration, der jedem offen steht. Hier fanden sich dieses Mal 11 Künstler zusammen, die gemeinsam ein Ausstellungsprojekt vorbereitet haben.
Diese Ausstellung im Speicher ist in vielerlei Hinsicht beachtenswert:
• Sie entsteht jeweils für nur eine Woche in Räumen, die nicht für diesen
Zweck gemacht sind.
• Die beteiligten Künstler gestalten ihre Raumsegmente
selbst zum Ausstellungsraum.
• Sie zeigen Neues, oft für diesen Anlass Konzipiertes.
• Sie kuratieren sich selbst.
• Sie haben ihren eigenen Katalog gemeinsam gestaltet und die Ausstellung zu einem überzeugenden
Ganzen werden lassen:
improvisierte Professionalität weitab von den Metropolen.
Der 2. KUNSTSALON in Lelkendorf zeigt, dass die Mecklenburger Schweiz neben hohem Himmel, weiter Landschaft und wirtschaftlicher Randlage ein beachtliches und vielfältiges kreatives Potenzial bietet. Durch die Initiative des Kulturfördervereins Lelkendorf e.V., der 11 Kunstschaffenden und der Kulturstiftung des Bundes ist es hier gelungen, für Einheimische und Touristen Kunst auf dem Lande zugänglich zu machen. Zu den Öffnungszeiten sind jeweils mehrere Künstler im angeschlossenen Cafe anwesend und gesprächsbereit, auch das ist bemerkenswert.
Der Eintrittsbutton gilt die ganze Woche über und lädt ein, wiederzukommen und einen zweiten oder dritten Blick zu wagen. Den kleinen Katalog gibt’s als Anregung gratis dazu. Eine innovative Idee, die auch kunstfernere Menschen unter den Gästen und Einwohnern der Landschaft Mecklenburgische Schweiz neugierig machen wird.
Zur Finissage am Sonntag, dem 23. August werden um 15 Uhr Arbeiten der ausstellenden Künstler versteigert. Beendet wird die Ausstellung mit einem Fest und einer Feuerperformance von Duwentester.
In der dritten Etage erwartet den Besucher die von zwei Künstlern gemeinsam erarbeitete Rauminstallation „Im toten Winkel“. Will man im Dämmerlicht des Raumes überraschende Details erkennen, bedarf es einer eigenen Taschenlampe.
Die Künstler
Anja Brachmann
Wilfried Duwentester
Günter Kaden
Lars Lehmann
Alexandra Lotz
Klaus Olivier
Franz Riegel
Sacherundsacher
Jim Schütz
Ralph Wedhorn
Heike van Zadelhoff
Pressespiegel
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Ausstellungskatalog
Zum Katalog KUNSTSALON 2009 [1.585 KB]
"Das ist eine ausgesprochen schöne Publikation und ich gebe den Druck unsererseits sehr gern frei."
Kultur Stiftung des Bundes
Der Gelologe Thomas Draeger erschütterte zur Vernissage die Endmoräne.
Kunstsalon Lelkendorf
"Normalerweise kommt jetzt das Streichorchester", sagte Mechthild von Levetzow nach Grußworten von Bürgermeister Habelt und Eva Maria Gauß von der Kulturstiftung des Bundes, "stattdessen wird Thomas Draeger die Endmoräne erschüttern."
Thomas Draeger nennt sich Gelologe, von griechisch: gelos, lachen. Er sagt: Wenn Politiker ab und an lachen, dann schaffe das Raum für Kreativität und befreie von der Angst. Wenn auch nur von ihrer eigenen.
Was geschieht, wenn ich mich all meines Wissens über Kunst entledige und ihr sozusagen nackt gegenübertrete?, fragte Thomas Draeger die einhundert Besucher, Presseverteter und Honoratioren der Vernissage? Gelingt es mir dann, meine fünf Sinne so zu öffnen, dass ich das Neue und Unerwartete im wahrsten Sinne des Wortes schmecken kann? Würde das nicht bedeuten, ich entledigte mich meiner Rollen, hinter denen ich mich im Leben verberge und könnte der Kunst als Mensch begegnen? ...
Am Ende seines Vortrags stieg aus der Stille ein Glucksen an die Oberfläche, es verband sich mit Grinsen und Schmunzeln, ein Lachgemecker schüttelte sich aus... Unaufhaltsam brach das Lachen heraus und war nicht mehr aufzuhalten. Die Endmoräne begann zu beben...
Der Text zur Erschütterung
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| Thomas Draeger, Fotos Joachim von Levetzow |
Der Text zur Erschütterung
Kunstsalon Lelkendorfer Speicher Juli 2009-08-16 Vernissage
Die Erschütterung der Endmoräne.
Meinen Beitrag möchte ich nicht als Rede über Kunst verstanden wissen, sondern als einen Teil der Ausstellung, als die Ouvertüre sozusagen, als eine Einstimmung auf eine bestimmte Art der Kunst zu begegnen.
Laut Programm, stehe ich hier für die „Erschütterung der Endmoräne.“
Ich möchte die Endmoräne als eine Metapher, als ein Bild für unser Ego verstehen. Gelingt es uns, diese Endmoräne derart aus der Fassung zu bringen, zu erschüttern, dass wir den Kunstwerken, die hier ausgestellt sind, mir einem unverstellten Blick begegnen? Oder anders ausgedrückt: Wenn ich mich all meines Wissens über Kunst entledige und ihr sozusagen nackt gegenübertrete,
gelingt es mir dann meine fünf Sinne so zu öffnen, dass ich das Neue und Unerwartete im wahrsten Sinne des Wortes schmecken kann? Würde das nicht bedeuten, ich entledigte mich meiner Rollen, hinter denen ich mich im Leben verberge und könnte der Kunst als Mensch begegnen?
Meine These ist:
Ein vom ewig plappernden und kunstbeflissenen daher redenden Ich befreiter Geist ist eine optimale Voraussetzung für die Betrachtung von Kunstwerken.
Um uns auf eine so radikale Provokation durch die Kunst einzustimmen, habe ich gebeten, dass die Kunstwerke erst einmal verhängt bleiben... Vielen Dank, dass das akzeptiert wurde.
In den Museen ist es heute üblich, den Besuchern beim Eintritt in den Kunst- Raum einen erklärenden Text anzubieten. Man kann dabei folgende Beobachtung machen: die Besucher stürzen sich zu allererst auf den Text und erst dann ist das Ich bereit, sich dem Kunstwerk zu stellen.
Dieser Text steht wie eine Mauer zwischen den Betrachtern und den Kunstobjekten.
Eine spontane und ungefilterte Begegnung trauen wir uns nicht zu und zwar aus Angst, nicht richtig zu empfinden oder etwas nicht zu verstehen.
Diese Angst ist die Angst des Ich vor dem Unbekannten, vor dem Unbegreiflichen. Denn wir sind Realisten, wir lieben Fakten und Beweise. Das Unbegreifliche passt nicht in unser Weltbild.
Um die Mauer, die unser faktensüchtiges Ich zwischen die Kunst und uns als Menschen aufrichtet, niederzureißen und einmal eine direkte, unvermittelte, unmittelbare Begegnung mit Kunstwerken zu versuchen, müsste das Ich einfach mal die Klappe halten.
Das heißt nicht, dass wir es nach einer solchen Erfahrung wieder aktivieren, um uns über unsere Erfahrung auszutauschen und Kunst als politisch, sozial oder schönen Schein einzuordnen...
2. These
Der Gegensatz zwischen unserem Realismus und dem Unbegreiflichen ist identisch mit dem Gegensatz von Ernst und Spiel.
Ich versuche im Folgenden den Wert des Spielerischen herauszustellen und von dort zum Unbegreiflichen vorzustoßen, um anschließend die Endmoräne aus der Fassung zu bringen.
Karl Marx sagt darüber, wie der Mensch sich die Welt und damit auch die Kunst aneignet, folgendes, Zitat: „Jedes seiner menschlichen Verhältnisse zur Welt, Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen, Denken, Anschauen, Empfinden, Wollen, Tätigsein, Lieben, kurz alle Organe der Individualität sind in ihrem Verhalten zum Gegenstand die Aneignung desselben.“ Ende des Zitats.
Das heißt:
Indem wir uns zu einem Kunstwerk verhalten, eignen wir es uns an. Bemerkenswert ist, dass Marx hier in erster Linie unsere Sinne und Empfindungsmöglichkeiten aufzählt.
Aneignen ist immer ein aktiver Prozess und Marx unterscheidet zwei grundsätzliche Aktivitäten: Die Aktivität im Bereich des Überlebens, die man gewöhnlich Arbeit nennt. Und zweitens das Aktivsein jenseits eines Nutzeffekts. Diese Aktivität umfasst das so genannte Spielen und all jene Tätigkeiten, die mit Kult, Ritual oder Kunst verbunden sind.
Arbeit und Spielen sind die Belege für die Doppelnatur des Menschen.
Das war mir wichtig, weil der Wert des Spielens hier eindeutig als wesentlich für das Menschsein festgemacht wird.
Wer also das Spielerische des Lebens missachtet, wer sich nur vom Ernst des Lebens bestimmen lässt und wer den Spieltrieb unterdrückt, für den es nichts zu lachen gibt, wer nicht über sich selbst lachen kann, der ist nach Marx nicht im Gleichgewicht.
Auch Schiller setzt bei der Betrachtung von Kunst auf das Spiel.
Erst das Spiel macht den Menschen vollständig. Darum spielt er nur, Zitat: „wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da Mensch, wo er spielt.“ Ende.
Schiller begründet das, indem er im Gegensatz zum heiteren Spiel in unserem Ich zwei ernste Grund-Triebe unterscheidet: Vernunft und Sinnlichkeit. Überwiegt die Kraft der Vernunft, kommt die Sinnlichkeit zu kurz, überwiegt die Sinnlichkeit, leidet der Verstand.
Wenn aber ein Gleichgewicht zwischen Verstand und Sinnlichkeit besteht, dann heben sich die Kräfte auf, der Ernst verschwindet und mit ihm das Ich, wir erheben uns über die so genannte Realität und können fliegen. Darum zeugt nach Schiller nichts so sehr von innerer wie von äußerer Freiheit wie die Freude an den schönen Künsten.
3. These:
Künstler provozieren gerne. Sie stehen auf den Schultern ihrer Vorgänger und sehen weit hinaus ins Niemandsland des noch nicht Dagewesenen und da ganz vorn, an der Speerspitze, der Avantgarde, geschieht etwas Wunderbares: die Kunst erneuert sich. Das Ergebnis gefällt uns nicht immer, es verunsichert und provoziert oft genug Ablehnung.
Es gibt allerdings Menschen, die lieben Provokationen. Sie wittern in solchen Umbrüchen die Quelle des Neuen, sie haben einen Riecher für die Qualität des Unerhörten, des Aufrührerischen und des Regelbruchs. Damit sie Witterung aufnehmen können, müssen sie wach sein, vorurteilslos, neugierig, offen und kreativ. Ihre Sinne müssen offen sein für das Ereignis des Unvorhergesehenen.
Die Begegnung mit dem Unbekannten kann gefährlich sein und schockieren. Löst die Kunst den Schock aus, ist der allerdings nicht lebensbedrohend, im Gegenteil, ich behaupte, er ist lebensfördernd, er macht wach und lebendig.
Die Lelkendorfer sind gerade mitten drin in dem Prozess des sich Öffnens für das Unerwartete. Sie nehmen Witterung auf für das, was Kunst für sie sein kann.
Ein kreativer Schock! Die Endmoräne erbebt. Das Ich gerät außer Fassung,
Gibt es vielleicht etwas, das das Ich am Kunstwerk nicht erkennen kann, weil es Eigenschaften hat, die ein gewöhnlicher materieller Gegenstand nicht hat, Eigenschaften, die für das Ich unsichtbar bleiben?
Statt eine Meinung auszuspucken, ist es vielleicht angemessener, Platz zu nehmen, uns erst einmal für das Werk zu öffnen und zu lauschen, ob ein Klang, eine Stimmung, ein Gefühl in uns entsteht, das wir so noch nicht kennen?
Nach Ansicht des französischen Philosophen Jean-Francois Lyotard (geb. 1924) ist „Das Unbegreifliche fühlbar zu machen“, die eigentliche Aufgabe der Kunst. Ihr kommt es zu, das Bewusstsein buchstäblich außer Fassung zu bringen.
Und wenn wir einmal das Unbegreifliche als unbegreifliche Tatsache akzeptieren, dann wird aus der zweidimensionalen Fläche der Realitäten und Fakten ein dreidimensionaler Raum, in dem wir spielen können.
Es gibt ein wunderbares Bild für das bisher Gesagte. Sie alle kennen den Film TITANIC. In der Szene, die ich meine, gehen die beiden Verliebten, die aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten kommen, ganz nach vorne in den Bug des Schiffes, in die Speerspitze, die Avantgarde sozusagen.
Sie breiten die Arme aus und es sieht aus, als könnten sie fliegen. Sie lassen das Schiff, das ein Bild für gesellschaftliche Konventionen und Prägungen ist, hinter sich und öffnen sich dem Neuen, dem Unerforschten, der ungeheuren Weite des Ozeans, der hier für ein ozeanisches Bewusstsein steht. Hier ganz vorn wird die Welt geboren. Hier ist der Schöpfer, hier ist der Künstler zu Haus.
Hier ist kein Ich mehr, das dazwischen plappert. Hier wird das Unbegreifliche fühlbar.
Wir sind am Ziel angelangt, die Mauer ist niedergerissen und es öffnet sich ein Raum der Liebe, der Offenheit und der spielerischen Freiheit. Es ist ein Ort, der von der schillerschen Freude durchdrungen ist, die der Götterfunken aus Elysium entfacht. Überwältigt vom Ereignis des Unbegreiflichen, hält das Ich endlich staunend die Klappe.
Nach dieser Einstimmung möchte ich Ihnen das Angebot machen, die Erschütterung der Endmoräne hier und jetzt höchstpersönlich zu erleben. Höchstpersönlich deshalb, weil die Endmoräne nur ein Bild für unser Ich ist. Ich bitte Sie also die Erschütterung der Endmoräne als Beleg für Ihre spielerischen Fähigkeiten zu erproben und sich einzulassen auf das Angebot.
Bitte schließen sie für einen Moment die Augen:
Wir sind am Nullpunkt angekommen. Unser Geist ist leer von Gedankenwürmern, wir haben ‚losgelassen’ und sind erlöst von jedweder Erwartung, von Gier und Sucht. Eine innere Heiterkeit erfüllt uns. Alles wird spielerisch leicht.
Nachdem die Titanic mit all ihrem gebunkerten Wissen untergegangen ist, treiben wir auf einem Holzbalken im Meer... Wir erkennen, dass sich für unser Schicksal und für unsere Leidensgeschichte niemand aber auch niemand interessiert, das nach hundert oder tausend Jahren niemand mehr weiß, dass wir überhaupt gelebt haben, dass es absolut lächerlich ist, etwas festzuhalten, anzuhäufen, oder beweisen zu wollen. Hier auf dem unendlichen Ozean bleibt uns nur, unsere Sinne zu öffnen, das Meer zu riechen, das Wasser zu fühlen, den Wind zu spüren und die Sterne zu schauen... Jetzt wird uns klar, was in Wirklichkeit in uns die Krankheit der Sinnlosigkeit hervorruft: Es ist die Weigerung, sich auf die schlichten, seelisch-sinnlichen Freuden zu konzentrieren, die jeder genießen kann, sei es beim Pflanzen von Blumen, beim Umgraben der Scholle oder beim Betrachten von Kunst.
Wer das begreift, der hat den Witz des Lebens begriffen, der wird von einem unbändigen, inneren Lachen geschüttelt. Es ist still, die Ruhe vor dem Sturm, der die Endmoräne erschüttern wird....
Aus der Stille steigt ein Glucksen an die Oberfläche, es verbindet sich mit Grinsen und Schmunzeln, ein Lachgemecker schüttelt sich aus... Lachbonbons schmelzen auf unseren Zungen und lösen sie zum befreienden Gewieher, Wogen von Gelächter umspülen uns, Kicherbäche ergießen sich und vereinigen sich mit Lachtonleitern. Unaufhaltsam bricht das Lachen aus uns heraus und ist nicht mehr aufzuhalten zu halten. Die Endmoräne beginnt zu beben, ihr Bauch beginnt zu zucken und dann ergibt sie sich ins Lachen und lacht und lacht und lacht...
Thomas Draeger






